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Architektur und Geschichte von Bibliotheken

(kfl) Digitalisierung, Vernetzung, Neue Medien. Das sind nicht nur Schlagworte unseres immer cross-medialer werdenden Alltags, sie sind auch Ausdruck einer seit vielen Jahren heraufbeschworenen Tendenz, die den Untergang des Buches prognostiziert. Was ist dran an dieser Hybris? Stellt der Niedergang des Buches nur eine logische Konsequenz dar, die vor ihm bereits die Vinyl-Schallplatte, der Analogfilm oder die Schreibmaschine erlebten? Oder sind Wikipedia und Google nur seelen- und körperlose Interimsentwicklungen, die dem Fortbestand der Gutenberg`schen Ära auch in Zukunft nichts anhaben können? Immerhin ist bemerkenswert, dass in den vergangenen zwanzig Jahren weit mehr Bibliotheken neu errichtet wurden als jemals zuvor. Das Architekturmuseum der TU München beleuchtet in seiner neuen, äußerst sehenswerten Ausstellung die Bedeutung und die Geschichte des Bibliotheksbaus.

Das entscheidende Kriterium, das aus einer Masse an Gedrucktem eine Bibliothek macht, ist die Ordnung. Das erkannte bereits der französische Gelehrte und Bibliothekar Gabriel Naudé Anfang des 17. Jahrhunderts. Eine reine Ansammlung von 50 000 Büchern, sagte er, verdiene eben so wenig den Namen Bibliothek wie eine Ansammlung von 30 000 Menschen eine Armee sei. Bibliotheken indes sind schon sehr viel älter. Erste Hinweise gibt es in Ägypten bereits aus der Zeit um 2700 vor Chr. Zugang zu dieser Sammlung aus Papyrus- und Lederrollen hatten lediglich Priester und Schreiber. In den frühen mesopotamischen Hochkulturen wurden Schriftzeichen als Keilschrift in Ton geritzt und dann zur Konservierung gebrannt. In der Palastbibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (668–626) befanden sich an die 20 000 dieser Tontafeln. Die Große Bibliothek von Alexandria war der bedeutendste und berühmteste Wissensspeicher der Antike mit einer Sammlung von bis zu 700 000 Papyrusrollen. Über ihr architektonisches Aussehen ist nichts bekannt. Einer der Gründe, weshalb Bibliotheken in der Kunst- und Kulturgeschichte eine außergewöhnliche Rolle spielen ist aber gerade auch ihre außergewöhnliche Architektur. Ob mittelalterliche Klosterbibliotheken, die Wiener Hofbibliothek, Bibliotheksentwürfe wie die Bibliothèque du roi von Boullée (1785) bis hin zu neuzeitlichen Bibliotheksbauten von Snøhetta in Alexandria, Toyo Ito in Sendai oder Herzog & de Meuron in Cottbus. Sie alle beweisen die Vielfalt möglicher Konzepte und belegen auch den Wandel im Bibliotheksbau. In der Ausstellung wird all dies anschaulich anhand von Fotos und Beschreibungen, aber auch durch zahlreiche, von Studenten der TU München gebaute Modelle.
 
Die dreigliedrige Präsentation der von Irene Meissner in bewährter Manier konzipierten Ausstellung empfängt den Besucher mit einem wandfüllenden Foto der Bibliothek von Werner Oechslin in Einsiedeln, mit dem die Ausstellung gemeinsam erarbeitet wurde. „Die Ordnung des Wissens“ führt zunächst theoretisch in die Thematik ein. In Vitrinen werden Schriften aus Oechslins Bibliothek vorgestellt, die sich mit der Gliederung des Wissens, seiner Vermittlung und dem Zugriff darauf beschäftigen. Praktisch nachvollziehbar werden die architektonischen Typologien im zweiten Teil der Ausstellung. Beginnend bei der Vorgeschichte des Bibliotheksbaus in der Antike spannt sich der Bogen über die mittelalterlichen Klosterbibliotheken bis zur Bibliotheksgeschichte der Neuzeit nach der Erfindung des Buchsdrucks. Vom Saalbau über Zentralbibliotheken und Turmbauten bis hin zu freien Formen mutierten Bibliotheken im Laufe der Jahrhunderte von anfangs introvertierten Wissensspeichern zu immer offeneren und kommunikativeren Lounges in denen auch „Networking“ unterstützt wird.
 

Étienne-Louis Boullée, Entwurf einer Biblithèque de roi, Paris, 1785

Im dritten Teil schließlich werden unterschiedliche Versuche des Anspruchs von Bibliotheken dargestellt, als Universalbibliotheken das gesamte Wissen der Welt zu sammeln. Eine Auswahl von 90 Bibliotheken, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind, rundet das Bild ab.
 
Ist das Konzept der Universalbibliothek heute so aktuell wie in der Antike? Die Ausstellung kann (und will) die Frage nicht beantworten, ob Bibliotheken in ihrer bisherigen Form eine Zukunft haben. Lediglich mit einem iPad, auf dem konventionelle Buchseiten umgeblättert werden, öffnet sich ein ganz klein wenig das Fenster in die Zukunft. Eines ist jedoch klar: Die Bibliothek der 21. Jahrhunderts definiert sich nicht mehr über ihren haptischen Buchbestand. Was zählt ist allein der Zugang zum Wissen. Ob Zuhause, am Arbeitsplatz oder auf der grünen Wiese, Wissen wird zukünftig von jeder beliebigen Stelle aus ständig verfügbar sein. Wer weiß, vielleicht gehen wir eines Tages in ein Museum, um noch ein Buch in die Hand nehmen zu können.

Eine Ausstellung mit dem Prädikat: wertvoll.

bis 16. Oktober 2011. Architekturmuseum der TU München, Pinakothek der Moderne, Barerstraße 40, 80333 München. www.architekturmuseum.de.
Katalog bei Prestel für 49,95 € (Gebundene Ausgabe).

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